Startseite
Das Buch
 Autorin/Impressum
 



Gleich am nächsten Morgen schickte Renoir eine Depesche nach Paris an die Universität Sarbonne, wo sein Freund Armand de Langlade unterrichtete. Da er schon einmal in der Stadt war, schlenderte er danach gemeinsam mit Valentine an Hazelgroves Haus vorbei. Lilian hatte ihm verraten, dass er montags seinen freien Tag hatte und ein Kollege ihn vertrat. Sie war es auch gewesen, die ihm geraten hatte, Hazelgrove privat aufzusuchen. Ausgerüstet mit dem Dokument, das er in den ersten Tagen in der Bibliothek abgestaubt hatte, klopfte er an. Dr. Hazelgrove hatte den kleinen Escaray sozusagen adoptiert, sicher wusste er etwas über den dort niedergeschriebenen Zusammenhang der beiden verfeindeten Familien.

Unterdessen setzte sich Valentine, der Hazelgrove nach wie vor mied, auf eigenes Ansinnen in einem nahegelegenen Wirtshaus ab, wo er auf Renoir zu warten versprach. Von der Urkunde hatte ihm Renoir intuitiv noch nichts erzählt.

Ein verhuschtes, etwa vierzehnjähriges Dienstmädchen öffnete und knickste. „Was kann ich für Sie tun, Sir?“

„Ist Dr. Hazelgrove zuhause?“

Sie warf sich in die schmächtige Brust. „Da hab’n Sie Glück, Sir, er ist es. Ist ein vielbeschäftigter Mann, der gute Doktor. Und ein hervorragender dazu. Jeder will sich nur von ihm behandeln lassen.“

Renoir steckte den Gehstock unter den Arm, um die Hand freizuhaben, und hielt der Magd seine Visitenkarte hin. Obwohl es ihm widerstrebte, übte er sich nach allen Regeln der Kunst in Unverfrorenheit, was ihm erschreckend gut gelang. „Ich bin nicht angemeldet, aber er kennt mich und wird mich gewiss empfangen, wenn du ihm unverzüglich meine Karte bringst.“

Höflich lispelnd bat sie ihn, im Empfangssalon Platz zu nehmen, während sie Dr. Hazelgrove von seinem Besuch informierte. Nicht lange danach schneite Hazelgrove herein, er warf im Laufen den Zylinder auf einen Sessel und setzte sich auf die Kante desselben.

„Sie kleben wie Pech an mir, Renoir“, konstatierte er gutgelaunt. „Was immer Sie wissen möchten, machen Sie es kurz, ich bin dabei, mit meiner Frau aufs Land zu fahren. Sie braucht jedesmal ewig, bis sie den passenden Hut zum Kleid gefunden hat, daher kann ich Ihnen einige Minuten widmen.“

„Eigentlich wollte ich mit Ihnen über Carrick Escaray sprechen. Nicht über die Umstände seines Verschwindens, sondern über seine Kindheit, sein Leben hier. Sie kennen ihn am besten, also vermute ich in Ihnen die verlässlichste Quelle. Da ich Sie aber nicht aufzuhalten gedenke, gehe ich gleich wieder, wenn Sie sich das hier angeschaut haben.“

Das Schriftstück hatte einen eigenartigen Effekt auf den englischen Arzt. Kleine Schweißperlen bildeten sich an Stirn und Schläfen; er änderte seine Haltung und zerdrückte den Chapeauclaque, was er gar nicht zu bemerken schien. „Mann Gottes! Wo haben Sie das her? Ich muss es übersehen haben ...“

„Übersehen wobei?“

Das dynamisch-temperamentvolle Erscheinen Mrs. Hazelgroves entband ihren Gatten vorläufig von einer Antwort. Sie war eine zur Molligkeit tendierende, eindrucksvolle Frau, erheblich jünger als Hazelgrove, mit einem runden, wächsernen Gesicht, in dem man beinahe noch die Spuren des Babyspecks zu erraten glaubte. Glückselig band sie ihren pastellgrünen, mit ihrer dunklen Haarpracht harmonierenden Hut unterm Kinn fest und pflanzte sich dann ungehemmt auf Hazelgroves Schoß, Renoir ignorierend.

„Schatz, wir können gehen. Ich bin soweit. Geht es dir gut?“ Besorgt modellierten ihre Finger in Spitzenhandschuhen das derbe Profil ihres Mannes nach, die Baumwolle saugte die Feuchtigkeit auf. Unwillkommen berührt durch ihre Zudringlichkeit bat er sie, aufzustehen.

„Meaghan, das ist Dr. Renoir aus Paris. Er wohnt zurzeit auf Escaray Hall und möchte mir ein paar Fragen über Mr. Escaray stellen. Sei so gut und richte dem Kutscher aus, wir müssen das Picknick verschieben. Es ist sehr wichtig, Liebling“, fügte er mit einem entschuldigenden Lächeln auf ihren Schmollmund hinzu. Sie blickte Renoir forschend an, der ihr verbindlich einen guten Tag wünschte, und drehte sich wieder zu Hazelgrove um.

„Wenn es denn sein muss. Warum kannst du die alten Zöpfe nicht abschneiden. Das ist es, was ich an dir nicht ausstehen kann“, maulte sie und stürmte mit steifen Krinolinen ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.

„Mrs. Thurber soll uns eine Tasse Tee kochen!“, rief er ihr hinterher.

„Auch das noch!“, stöhnte sie im Flur. „Dann werden wir heute wieder einen langweiligen Abend in der Oper vertun.“

„Sie müssen ihrer Jugend verzeihen“, verteidigte Hazelgrove ihre unreife Kinderstube. „Ich habe nur selten Zeit, mit ihr etwas zu unternehmen, und die Oper, die heute abend auf dem Programm steht, schätzt sie weit weniger als den Landausflug.“

„Ich komme gerne ein andermal“, erbot sich Renoir, im Begriff, aufzustehen, doch Hazelgrove winkte ab.

„Ich bin recht froh um Ihren Besuch, denn ehrlich gesagt liegt mir wenig an der Gesellschaft der oberflächlichen Bloomburys, die uns begleiten werden. Sie verkehrt in gänzlich anderen Kreisen als ich es gewohnt bin. Das ist das Kreuz, das man tragen muss, wenn man eine junge, neumodische Frau geehelicht hat.“

Übermütig beugte er sich vor und senkte sein tiefes Organ konspirativ zu einem Flüsterton. „Ohne Frage überwiegen die Vorteile. Bitte erzählen Sie weiter.“

„Ich stieß auf die Akten in der Bibliothek“, fuhr Renoir fort. „Weshalb meinten Sie, Sie hätten sie übersehen?“

Hazelgrove langte nach einem Taschentuch, wischte sich über die schweißglänzenden Wangen und seufzte. „Hoffentlich hat es Carrick nie in die Finger bekommen. Ich hatte von seiner Mutter den Auftrag, alles zu entfernen, was ihn an seine Abstammung erinnern könnte.“

„Haben Sie eine Ahnung, weshalb?“

„Ich muss von vorne beginnen“, erklärte Hazelgrove plötzlich geduldig. „Es ist am besten, Sie erfahren es von mir und nicht von jemandem, der die Fakten verdreht.“


England, Yorkshire 1917

Der französische Psychologe Gaspard Renoir wird zu dem verschrobenen Earl of Whitehurst geschickt, um dessen von Arras heimgekehrten Neffen Valentine von seiner Kriegsneurose zu heilen.

Renoir, selbst vom Kriegsdienst traumatisiert und frisch aus dem Sanatorium entlassen, übernimmt diese Aufgabe nur widerwillig, zumal ihn der Earl auf Schritt und Tritt beobachtet.

Bei einem Spaziergang lernt Renoir den Gärtner des Herrenhauses kennen, Mallord Grimby, einen hilfsbereiten, etwas merkwürdig anmutenden jungen Mann, der ihm vorschlägt, für die Dauer der Therapie auf Escaray Hall zu logieren, ein seit zwei Jahren leerstehendes Nachbarschloss, zu dem Grimby als Freund des ehemaligen Besitzers die Schlüssel verwaltet.

Dankbar nimmt Renoir das Angebot an.

Doch über Escaray Hall liegt eine gespenstische Atmosphäre, für die beide Besucher auf unterschiedliche Art empfänglich sind: Obwohl er es besser weiß, vermutet Renoir Leben in dem Porträt des auf mysteriöse Weise verschollenen Schlossherrn Carrick Escaray, während Valentine ihn sogar persönlich sehen kann und sich mit dieser Hilfe – dem Drängen Carricks, sich Renoir anzuvertrauen – dem Arzt nach und nach öffnet.

Dinge kommen ans Licht, die Valentine scheinbar vergessen hat und die nichts mit dem zu tun haben, was ihm auf den Schlachtfeldern Frankreichs widerfuhr. Der wahre Grund für Valentine psychische Veränderung übersteigt jede Ahnung Renoirs…